Gaza Border Reality Tour

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Da ich keine 40 Euro Parkgebühren zahlen wollte, parkte ich das Auto zu der vom Hostel empfohlenen Parkplatz um. Jedoch war kein Platzwärter anwesend. Die Tour begann jedoch gegen 7 Uhr. Deshalb ließ ich nach einem kurzen Zögern mit etwas Bauchschmerzen das Auto dort einfach stehen. Zurück am Hostel erwartete mich auch schon ein Taxi, dass uns zum Bahnhof in Tel Aviv bringen sollte. Dort trafen wir den Rest unserer Gruppe. Mit dem Zug fuhren wir nach Ashkelon, wo wir auf unsere Tour Guides trafen.

In Ashkelon war die Anspannung spürbar. Im Bahnhosgebäude waren ca. 40 bewaffnete israelische Soldaten. Draußen erwartete uns unser Führer Eliyahu, ein orthodoxer Jude. Gemeinsam mit einem palästinensischen Fahrer sollte er uns auf der Tour begleiten, um beide Seiten des Israelisch-palästinensischen Konflikts zu Wort kommen zu lassen. Nachdem auch die Teilnehmer aus Jerusalem eingetroffen waren, machten wir uns auf den Weg zum Erez Crossing, dem einzigen Grenzübergang von Israel in den Gazastreifen. Einst wurde die 60 Millionen Dollar teure Anlage für 40.000 Grenzgänger täglich ausgelegt. Heute überqueren im Schnitt 500 Menschen täglich den Grenzübergang, meist offizielle Händler, die in Israel Arbeit suchen.

Die Arbeitslosenquote beträgt im Gazastreifen über 40 %, die Jugendarbeitslosigkeit ist sogar noch höher. Dementsprechend fällt es der regierenden Hamas, die von der EU als Terrororganisation eingestuft wird, verhältnismäßig leicht, junge Männer für Demonstrationen, wie den „Great March of Return“ zu gewinnen. Fast 3/4 aller Einwohner des Gazastreifens sind Flüchtlinge. Palästinensische Seiten behaupten, dass sie von israelischen Soldaten im Unabghängkeitskrieg 1948 vertrieben wurden, die Israelis berichten, dass sie von der ägyptischen Armee aufgefordert wurden, sich ihnen anzuschließen um später in ihre alte Heimat zurückzukehren. Aufgrund der Kriegswirren haben sich aus meiner Sicht vermutlich beide Geschichten zugetragen. Palästinenser wurden aus ihren Städten vertrieben, aber auch von den arabischen Armeen aufgefordert, sich ihnen anzuschließen. Die Protestanten werden anlässlich der Freitagsdemonstrationen aus dem Gazastreifen  in Bussen zu der Grenze gebracht. Im Mai mischten sich vermutlich Hamas Kämpfer unter die zum größten Teil friedlichen Demonstranten und eröffneten das Feuer auf israelische Grenzsoldaten. Der darauffolgende Schusswechsel endete in einem Massaker. Die Demonstration findet seitdem jeden Freitag statt. Die BBC Dokumentation „One Day in Gaza“  schildert das Ereignis. Sie erregte die Gemüter so stark, dass  Israel und die Hamas gegen die Ausstrahlung demonstrierten.

Auf dem Weg zum Black Arrow Memorial wurden parallel zu den Straßen Wälle errichtet und mit Bäumen bepflanzt. Hintergrund der Maßnahme ist der Tod eines israelischen Zivilisten im November 2019, der von einer wärmegelenkten Boden-Boden-Rakete aus dem Gazastreifen in seinem Auto getroffen wurde. Das war der erste Einsatz einer solchen Waffe aus dem Gazastreifen, der für die Autofahrer in der Region eine tödliche Gefahr darstellt. Die Wälle sollen die Autofahrer auf der Schnellstraße in Zukunft vor derartigen Attacken schützen.

Das Black Arrow Memorial erinnert an die Einsätze einer israelischen Fallschirmjägereinheit in den 50-er Jahren, die von dem späteren Ministerpräsidenten Ariel Sharon befehligt wurde. Sie war eine Reaktion auf die Ermordung von israelischen Zivilisten durch pälestinensische Kämpfer, die von dem ägyptischen Geheimdienst unterstützt wurden. Die namensgebende Operation richtete sich gegen einen ägyptischen Militärstützpunkt in Gaza. Auf dem Gelände können immer noch Metall- und Gassplitter von den Überresten eines Busses gefunden werden, der im November 2018 nur wenige Minuten, nachdem er eine Einheit israelischer Soldaten abgesetzt hatte, von einer Panzerabwehrrakete der Hamas getroffen wurde. Ein Video der Terrororganisation zeigt, dass  der Bus offenbar minutenlang beobachtet wurde und gezielt abgeschossen wurde, nachdem die Soldaten den Bus verlassen hatten. Es handelt sich um eine Machtdemonstration der Hamas, die aus Furcht vor einer israelischen Invasion jedoch versuchte Todesopfer zu vermeiden.

Nachdem wir uns mittags in einem nahegelegenen Kibbutz gestärkt hatten, hatten wir vom Bus aus eine Videokonferenz mit zwei palästinensischen Aktivisten aus dem Gazastreifen. Einer von ihnen war gerade auf dem Rückweg von einem Treffen mit dem Dalai und befand sich auf einem Zwischenstopp in der jordanischen Hauptstadt Amman. Gemeinsam mit einer Syrerin organisiert er Videokonferenzen zwischen Jugendlichen aus dem Gazastreifen, Israelis, Europäern und Amerikanern. Mit dem Projekt möchten beide der palästinensischen Jugend zeigen, dass es auch andere Wege gibt, die Zukunft zu gestalten, als durch die Teilnahme an den blutigen Freitagsprotesten.

Wir besuchten als nächstes Sderot, eine schnell wachsende Stadt, die besonders unter dem Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen zu leiden hat. Jede Wohnung besitzt einen Raketenbunker und auch draußen befinden sich alle hundert Meter Raketenschutzräume. Von innen sind sie allerdings meistens sehr verschmutzt, weil Jugendliche dort nachts rumhängen und das tun, was man in dem Alter halt macht. In der örtlichen Polizeistation werden Raketen „ausgestellt“, die in der jüngsten Vergangenheit auf die Stadt abgefeuert worden sind. Trotz des Raketenterrors entscheiden sich viele junge Erwachsene als Zeichen für ihren Glauben, ihr Tora Studium, das sich auch mit einem  Militärdienst kombinieren lässt, in der Yeshiva von Sderot zu absolvieren. Von dem Dach der Yeshiva hat man einen wunderschönen Ausblick über die Stadt, die sich momentan sogar in einer Boomphase befindet. Außerdem findet man hier Skulpturen aus Raketengeschossen, die von Studenten kreiert wurden. Sderot besitzt außerdem den wahrscheinlich einzigen Raketen-sicheren Spielplatz der Welt. Der Bunker sieht aus wie eine bemalte Schlange. Auf die Frage unseres Führers, wie die Schlange heißt, reagierten die Kinder entsetzt: „Das ist keine Schlange, das ist ein Schmetterling.“  Während unseres Besuchs waren die palästinensischen Aktivisten zugeschaltet und konnten erstmals die Stadt und die Menschen sehen, die vom Gazastreifen so vehement beschossen werden. Es war für beide Seiten ein sehr emotionaler und interessanter Moment.

Die Tour führte auch entlang des israelischen Raketenabwehrsystems Iron Dome. Aus der Entfernung konnten wir die Anlage fotografieren. Als wir uns ihr jedoch näherten, kamen zwei nervöse und sehr junge israelische Soldaten auf uns zu und forderten uns auf, keine weiteren Fotos zu machen. Der Iron Dome befindet sich seit November 2010 im Einsatz und wird für die Bekämpfung von Kurzstreckenraketen mit einer Reichweite von 5 bis 70 km eingesetzt.  Die Investitionskosten betrugen 375 Millionen US $. Eine Rakete kostet zwischen 35.000 und 50.000 $. Da auf jedes Ziel zwei Abfangraketen abgeschossen werden, kostet ein Abschuss bis zu 100.000 $. Das System berechnet daher in Sekundenbruchteilen die Flugkurve des Eintrittskörpers und entscheidet sich nur für einen Abschuss, wenn israelische Staatsbürger gefährdet sind. Das Abwehrsystem besitzt eine Trefferquote von 90%. Ob man selbst Opfer von den übrigen 10% wird, ist oft reiner Zufall. Die Zeit vom Beginn des Alarms bis zum Einschlag beträgt in Sderot nur 15 Sekunden. An unserem nächsten Ziel, der kleinen Gemeinde Netiv Ha’asara, die direkt an der nördlichen Grenze zum Gazastreifen liegt, beträgt die Vorwarnzeit sogar nur fünf Sekunden.

Dort nahmen wir an dem Path of Peace Projekt von Tsameret Zamir, einer Einwohnerin des Dorfes, teil. Zunächst schauten wir uns einen sehr ergreifenden Film zu dem Projekt an. Die Menschen in dem Dorf leben ständig in Angst, durch den Raketenbeschuss ums Leben zu kommen oder von Terroristen entführt zu werden, die die Grenzanlagen untergraben und plötzlich mitten in dem Dorf auftauchen. Geschützt wird das Dorf von einer Armeebasis und einer meterhohen Schutzmauer gegen Scharfschützenfeuer. Nach dem Film schrieben wir unsere Wünsche für den Gazakonflikt auf die Rückseite eines Mosaiksteins und brachten ihn an einer Schutzmauer  an.  Die zusammengesetzten Mosaike bilden in mehreren Sprachen das Wort Frieden. Ursprünglich wurde das Projekt gestartet, um durch die Farben den Kindern des Dorfes die Angst vor der Mauer zu nehmen. Inzwischen haben sich tausende Menschen an dem Projekt beteiligt. Das Path of Peace Projekt bildete auch den Abschluss der Gaza Border Reality Tour, die von Abraham Tours von Tel Aviv und Jerusalem organisiert wird.

Mit dem Zug machten wir uns auf den Weg nach Tel Aviv. Zu meiner Erleichterung befand sich mein Auto sogar noch an seinem Platz, allerdings hatte der inzwischen eingetroffene Parkwächter Felgensperren an dem Wagen angebracht. Nach Bezahlen der Parkgebühren machte ich mich auf den Weg nach Nazareth, dem nächsten Ziel meiner Reise.

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